PROJEKTREPORTAGE

Klinik für Pferde in Berlin

huber staudt architekten, Berlin

Foto: Werner Huthmacher

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Gestriegelte Siebziger

  • Text: Natalie Scholder
  • Fotos: Werner Huthmacher

huber staudt architekten sind bekannt für ihre wohldurchdachte Arbeit an Klinikbauten und Krankenhäusern. Nun hat das Berliner Büro die Zügel in die Hand genommen und bewiesen, dass ein Gesundheitsbau auch ganz anderen Maßstäben folgen kann, wenn er Patienten beherbergt, die keine Menschen, sondern Pferde sind.

Links: Joachim Staudt, Rechts: Christian Huber, Foto: huberstaudtarchitekten

Zehn Jahre haben die Architekten bei der Sanierung der Pferdeklinik für die Freie Universität Berlin daran gearbeitet, das 1977 von Heinrichs + Wermund fertiggestellte Klinik- und Lehrgebäude an aktuelle medizinische Anforderungen anzupassen und zugleich die brutalistische Bauweise denkmalwürdig hervorzuheben.

Auf einem von Wald umgebenen Areal befindet sich, südlich der Klinik für Kleintiere, die Klinik der Pferde. Beide Einrichtungen gehören zum Fachbereich Veterinärmedizin der Freien Universität und wurden einst von den Architekten Peter Heinrichs und Joachim Wermund auf dem ehemaligen Rittergut Düppel errichtet.

Rote Ziegel, Sichtbeton und Aluminiumpaneele prägen das äußere Erscheinungsbild beim Betreten des Klinikgebäudes. Unter dem Sheddach verbirgt sich die Hufschmiede.

Im vorderen der drei langen Gebäuderiegel befinden sich die Pferdeklinik und das Lehrgebäude. Auf zwei Ebenen wird hier studiert und operiert. Parallel dahinter reihen sich zwei eingeschossige Stallungen. Der rote Klinker – ein Verweis auf die noch vorhandenen Backsteinarchitekturen des ehemaligen Pferdegestüts Preußens – im gesamten Erdgeschoss wird durch bronzefarbene Aluminiumprofile des Obergeschosses ergänzt. Mit einer überdachten Vortrabstrecke ist der vordere Gebäudeabschnitt auf seiner Rückseite längs mit einem Stall verbunden. Seitlich grenzt die Longierhalle an. Mit dem zweiten Stallgebäude schließt das Ensemble nach Osten hin ab.

Im Grundriss sind die drei Gebäuderiegel erkennbar. Das Rondell auf der Südseite kennzeichnet die Longierhalle. Westlich finden die menschlichen Nutzer Zugang zur Anmeldung und zur Vorlesung. Die südliche Hälfte dient den ärtzlichen Eingriffen am Pferd. Darauf folgen die Ställe.
Der südöstlich angelegte Querschnitt betont die Variabilität der Dachformationen.

„Gebäude aus dieser Phase werden zumeist wenig beachtet und erhalten schon gar nicht den Status eines Baudenkmals“

Christian Huber

Die Pferdeklinik schaffte es schon 1977 auf das Cover (Bauwelt 46.1977), mit der Darstellung roher Mannesstärke bei einer Pferdebändigung, bereit, das Tier an Riemen und Ketten auf dem OP-Tisch zu fixieren. Zum Glück ändern sich die Zeiten, ein Großteil der Studenten ist weiblich, und auch die Wissenschaft hat neue Therapien entwickelt. Bei der schrittweisen Sanierung der einzelnen Bereiche in den Jahren 2009 bis 2019 mussten huber staudt architekten vielen Anforderungen gerecht werden. Die Pferde sollten weiterhin gut versorgt werden, die Lehre und die Forschung nicht beeinträchtigt werden und die Gelder des Universitätshaushalts mussten vorhanden sein.

Behandelt werden hier nicht nur Pferde, sondern auch andere große Vierbeiner.

Im laufenden Klinikbetrieb haben die Architekten innerhalb der bestehenden Gebäudestruktur eine Funktionsneuordnung vorgenommen und so die Klinikabläufe erheblich verbessert. Nun gibt es separate Eingänge für die Anmeldung der Pferde und für die Studenten. Am südlichen Eingang des Klinikgebäudes zeigen die Besitzer die Krankenkassenkarte ihrer Pferde vor, für den Patienten geht es in den Wartestall. Fünfzig Boxen bieten Platz für die Aufnahme und Pflege der Tiere. Isolierbereiche beugen Ansteckungen vor. Auf der mit Tartanmaterial gepflasterten Vortrabstrecke und in der Longierhalle werden die Huftiere in ihren Bewegungsfolgen untersucht.

Auf der markant überdachten Vortrabstrecke wurde weiches Tartanmaterial verlegt. Es schont die Gelenke der Vierbeiner, wenn sie hier in ihren Bewegungsfolgen
untersucht werden.

Am Außenbau sind die unterschiedlichen Raumhöhen ablesbar. Die westliche Seite des Hauptgebäudes richtet sich nach der Größe der Menschen. Mit einer Deckenhöhe von 4,50 Metern sind die Behandlungsräume östlich des Haupttrakts auf die Größe der Huftiere ausgerichtet. Eine Chirurgin führt uns durch die Operationssäle, zu dem Aufwachraum, einer Gummizelle, die Verletzungen beim Austreten verhindert. huber staudt architekten integrierten MRT, CT, Radiologie und ein Notfalllabor – Diagnosetechniken, die zur Bauzeit der Klinik größtenteils noch nicht vorhanden waren. Unverändert bleibt die Hufschmiede, die sich mit prägnantem Sheddach aus Sichtbeton in das spannungsreiche Gesamtbild der verschiedenen Dachformationen einfügt.

Das erweiterte Eingangsfoyer für Studenten der Veterinärmedizin verbindet die Klinik und den neugestalteten Hörsaal, wo statt 95 nun 172 Sitze vorhanden sind. Ein Stockwerk höher befinden sich die Büros des Personals, Seminarräume, durchgehend besetzte Bereitschaftsräume, ein weiteres Labor und das Sekretariat des Instituts.

Ein Schimmel beim Röntgen. In den hellen und geräumigen Klinikbereichen unterstreichen verschiedene Wandfarben die funktionale Ordnung.

Der Fachbereich nutzt auch die umliegenden denkmalgeschützten Bauten des früheren Gutshofs. In dem ältesten Gebäude, dem Haupthaus von 1828, wird heute gespeist, denn hier befindet sich die Mensa. In der Schnapsbrennerei, einem mehrgeschossigen bewachsenen Ziegelbau von 1839, arbeitet nun das Dekanat. Pferde zogen hier erstmals 1859 ein, nachdem Prinz Karl Friedrich von Preußen das Gut für die Nutzung als Pferdegestüt um eine Reithalle ergänzen ließ. Eine 1930 von Fred Forbat errichtete Reithalle existierte hier noch bis 1982. Nach einem Brand wurde sie durch eine neue Reithalle aus einer Holzkonstruktion mit Ziegelmauern ersetzt, die im Jahr 1997 zu einer besonders schönen Bibliothek für Veterinärmedizin umgebaut wurde und die heute Herzstück des Fachbereichs ist.

Christian Huber betont: „Es galt, die moderne Formensprache und die Materialwahl Ziegel, die bronzefarbenen Metallpaneele und das Glas im Kontext des historischen Ritterguts unbedingt zu erhalten.“ Es ging ihnen bei der Gestaltung der Innenräume, dem eigentlichen Schwerpunkt ihrer Arbeit, darum, das Gebäude funktional in unsere Zeit zu übersetzen und mit Licht und Farbe räumliche Bezüge neu zu interpretieren, so Huber.

Neue Sichtachsen ermöglichen im Hauptgebäude eine lichte Wegeführung, die durch gelb-, grün- und lilafarbige Türen und Wände gekennzeichnet ist. Damit inszenieren huber staudt architekten die ursprüngliche Farbauswahl von Heinrichs + Wermund neu. Es sind Details wie diese, die für die Architekten von Bedeutung waren, um den Wert der häufig verkannten Stilrichtung hervorzuheben. Die Farben bilden einen Kontrast zu dem kräftigen Terrazzoboden in den Fluren, Büros und im Eingangsbereich. Im Hörsaal, in Teilen der Klinikräume und in den Ställen wurde abgesandeter Gussasphalt verwendet, dessen Flächen mit Besen und Wasserschlauch leicht zu reinigen sind. Christian Huber lobte die gute Kooperation mit der Klinikleitung, die den speziellen Bedingungen Worten verlieh und ein Gespür für die Architektur bewies.

Die umfassende Modernisierung zeigt sich von außen kaum. Es ist den Architekten gelungen, die hochmoderne Klinik- und Forschungseinrichtung behutsam in die bestehende Architektur einzufügen – huber staudts Plädoyer für die Siebziger.

Auch in der Tiermedizin hat Hygiene höchste Priorität. Daher wählten die Planer für die Waschtische der Behandlungsräume elektronisch gesteuerte GROHE Eurosmart Cosmopolitan Armaturen. Foto: Udo Meinel

Architekten

huber staudt architekten

Keithstrasse 2–4, 10787 Berlin

www.huberstaudtarchitekten.de

huber staudt architekten bda wurde 1994 gegründet. Die Bandbreite der Projekte reicht vom komplexen Krankenhausbau über die Gestaltung öffentlicher Plätze bis hin zu hochwertigen Innenausbauten. Die Vielseitigkeit des Büros begründet sich auch in Projekten aus dem Hochschulbau, im Büro- und Wohnungsbau sowie im Umgang mit denkmalgeschützter Bausubstanz oder – unter dem Arbeitstitel „Weiterbauen“ – mit Gebäudesanierungen der 1960er und 1970er Jahre.

Projekte (Auswahl)

2023 NK 4–5, Herrichtung ehemalige Amerikanische Botschaft für den Bundestag
2022 Leonardo-da-Vinci-Gymnasium Berlin, Neubau 5-zügiges Gymnasium
2019 EcoMat-Center for Ecoefficient Materials & Technologies, Bremen

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