Freier Fluss
- Text: Marie Bruun Yde
- Fotos: Lasse Bech Martinussen
3XN gehört zu den etablierten Architekturbüros Dänemarks der Generation vor BIG oder COBE. Seit über 30 Jahren plant und baut 3XN Architekturen, die sowohl großzügig dimensionierte Räume für Begegnungen als auch Nischen für den Rückzug anbieten.

Was heute zur Marke geworden ist, war ursprünglich eher lässig-selbstironisch gemeint: 3XN steht für drei Mal Nielsen, den gewöhnlichsten Nachnamen Dänemarks. Nielsen, Nielsen und Nielsen gründeten 1986 in Aarhus das Architekturbüro – aber nicht, um das Gewöhnliche zu reproduzieren.

Die Bauten des heute mehr als 100 Mitarbeiter zählenden Büros versuchen vielmehr, starre Systeme in Unternehmen und öffentlichen Gebäuden aufzuweichen, sie durch offene Räume, fließende Übergänge und städtebauliche Anbindungen zu ersetzen. Bürogründer Kim Herforth Nielsen hebt die Synergie und Interaktion im Gebäude als Triebkraft für die Architektur von 3XN und das internationale Interesse daran hervor. Freie Bewegungsmuster und dialogorientierte Gebäudeprogramme kennzeichnen die Konzepte des Büros. Beispielsweise im Ørestad Gymnasium, einer offenen Lernlandschaft in Kopenhagen (2007), oder im Olympischen Haus in Lausanne (2019), wo die Etagen durch weiträumige Atrien und breite, schneckenhausartig geschwungene Treppen verbunden werden. Bei weiteren ikonischen Großbauten wie der Royal Arena in Kopenhagen (2017) oder dem im Bau befindlichen Fischmarkt in Sydney, der 2023 eröffnen soll, werden Typologien, die sonst der Stadt den Rücken kehren, einladend zur Umgebung geöffnet und in die Stadt eingegliedert.

Seit 2015 befindet sich 3XN in Kopenhagen in den charmanten, denkmalgeschützten Kanonenboothäusern auf der Insel Holmen. wo sich auch mehrere Hochschulen der Kreativbranche, etwa die Architektur- und die Filmhochschule, befinden. Die Hallen hat das Büro selbst renoviert, hauptsächlich als Großraumbüro, aber mit vielen Nischen und Besprechungsräumen unterschiedlicher Größe. Die 2.000 Quadratmeter lassen außerdem reichlich Platz für die permanente Ausstellung zahlreicher Modelle, die das Büro geschaffen hat. Seit 2007 gehört auch GXN (G für Green) zu 3XN. Das Innovationsunternehmen forscht zu ökologisch- nachhaltigem Design, digitalen Prozessen, umweltfreundlichen Technologien und neuen Materialien.
3XN hat schon 1999 in Berlin gebaut, womit ihnen der internationale Durchbruch gelang: die Dänische Botschaft als Teil des Komplexes der Nordischen Botschaften. Das Haus ist außen mit perforierten Edelstahlplatten verkleidet, was sich innen in Form von Holzlamellen fortsetzt. Mit der halbtransparenten Fassade und Wandverkleidung – weder ganz offen noch ganz geschlossen – strahlt das Gebäude, passend zu seiner diplomatischen Funktion, Seriosität aus, begrüßt aber gleichzeitig freundlich seine Besucher. Das Bürogebäude Cube Berlin wurde 2007 bereits entworfen, aber erst 2020 fertiggestellt. Inzwischen entsteht ein weiteres Projekt in Deutschland: die neue Sportarena im Münchener Olympiapark. Letztere zeigt auf ähnliche Weise, etwa durch die für das Büro typische Lamellenfassade, wie 3XN mit Porosität, Offenheit und unterschiedlichen Layers arbeitet im Versuch, solitäre Erscheinungen in die Umgebung einzugliedern.
Im Gespräch mit …
Kim Herforth Nielsen und Torben Østergaard, 3XN, Kopenhagen
Cube in der Europacity Berlin eröffnete im Februar 2020. Ein Gespräch mit den Architekten über die Möglichkeiten, ein Bürogebäude so zu entwerfen, dass auch die Stadt etwas davon hat.

Bereits 2007 haben Sie den Wettbewerb für Cube mit einem Entwurf gewonnen, der anders aussah als das Gebäude, das jetzt realisiert wurde. Damals war die Fassade des Kubus rautenförmig und wurde durch große Einschnitte aufgelockert.
Kim Herforth Nielsen: Das Haus war zuerst als Hauptsitz für die Deutsche Bahn gedacht. Wir haben es ursprünglich von innen nach außen entworfen und für die Interaktion zwischen den Menschen, die im Gebäude arbeiten, konzipiert. Dann gab es einen Direktionswechsel bei der Bahn, die Finanzkrise kam, und das Projekt lag lange auf Eis. Als es 2015 wieder aufgegriffen wurde, war die Immobiliengesellschaft Vivico…
… die 2001 gegründet worden war, um ehemaliges Eisenbahngelände zu veräußern…
KHN: … und die den Wettbewerb ausgeschrieben hatte, vom österreichischen Immobilienunternehmen CA IMMO aufgekauft worden. Die CA Immo war so loyal, uns zu fragen, ob wir das Gebäude nach wie vor machen wollten. Sie haben uns aber gebeten, das Projekt neu zu entwerfen.
Torben Østergaard: Im ersten Entwurf wurde das Gebäude für nur einen Kunden konzipiert, es sollte die Nutzer des Hauses enger zusammenbringen. Dieses Haus hatte in der Mitte ein großes, offenes Atrium, das sich aufwärts durch das Gebäude drehte. Die Fassade war stringenter und folgte den Grenzen des Gebäudes. Als die CA Immo uns kontaktierte, haben sie uns gefragt, ob wir zu „kill your darlings“ bereit wären. Wir begannen also von vorn.

Die CA Immo strebte eine kleinteiligere Vermietung an. War das der Grund, weshalb die gemeinschaftlichen Funktionen wie das Atrium und ein Auditorium wegfielen?
TØ: Ja. Die ganze Umgebung hatte sich in der Zwischenzeit stark entwickelt, viele neue Gebäude waren entstanden. Trotzdem war der Platz noch nicht Teil des mentalen Stadtplans der Berliner. Was blieb denn, was das Gebäude der Stadt geben konnte? Wir haben uns gefragt, wie die Architektur mit dem Platz und dem Leben auf dem Washingtonplatz in Dialog treten könnte.
KHN: Der Senatsbaudirektorin RegulaLüscher und dem Baukollegium war es wichtig, dass das Gebäude nicht wie ein klassisches Bürogebäude aussieht, man sollte die einzelnen Stockwerke an der Fassade nicht ablesen können. Christos Verhüllungen haben uns hier inspiriert.

„Wir arbeiteten mit dem Skulpturalen und mit der Maßstabslosigkeit.“
Torben Østergaard
Der Washingtonplatz wurde und wird für seine Trostlosigkeit kritisiert. Welche Möglichkeiten hatten Sie, um den Platz aufzuwerten?
TØ: Diese Kritik betrifft nicht nur den Washingtonplatz, sondern die ganze Europacity. Im Bebauungsplan von O. M. Ungers war die Würfelform festgelegt, zwei Aussagen blieben aber interpretierbar: Erstens sollte das Haus eine skulpturale Wirkung haben. Zweitens sollte es positiv zum Leben auf dem Platz beitragen. Der Problematik eines Solitärgebäudes konnten wir aber nicht entkommen.
Was kann denn ein sehr privates Haus einem sehr öffentlichen, prominenten Ort zurückgeben?
Da das Haus – statt eines weichen wie im ersten Entwurf – jetzt einen harten Kern bekommen musste, konnten wir nur mit dem Übergang zwischen öffentlichem und privatem Raum arbeiten und versuchen, dem Haus eine weiche Kante zu geben. Wir arbeiteten mit dem Skulpturalen und mit der Maßstabslosigkeit. Außerdem wollten wir den Nutzern Komfort durch Terrassen anbieten. So entstand die spielerische Fassade als „Verpackung“ des Baukörpers.
Das Performative liegt also im Visuellen?
KHN: Ja! Die Menschen interagieren mit diesem Gebäude mehr als üblich, sie spiegeln sich darin, sie fotografieren viel.
TØ: Wir wollten eine einheitliche Umhüllung erreichen um die skulpturale Wirkung zu betonen. Deshalb haben wir reflektierendes Glas verwendet, kein transparentes, da dann die Form verschwunden wäre. Im Ergebnis wirkt das Gebäude wie ein riesiges Kaleidoskop für die Passanten.
Cube gilt als eines der intelligentesten Gebäude Europas. Wie funktioniert das sogenannte Gehirn des Hauses? Wer zieht Vorteile aus dieser Intelligenz?
TØ: Das Haus sammelt Daten für einen „Learning Circle“. Die Daten werden im Cube-Gehirn – einem Server – gespeichert und miteinander verbunden. Das Besondere ist aber nicht, was das Haus im Moment kann, sondern dass seine Funktionen sich über die Zeit justieren lassen. Langfristig kann das Haus den Nutzern Interessantes über sie erzählen. Wenn abends nur wenige Leute im Gebäude sind, könnten diese zum Beispiel zusammenrücken, um Licht und Wärme zu sparen. So kann das Haus auf soziale Interaktionen einwirken. Es muss sich aber zeigen, ob die Nutzer Lust haben, mit ihren Daten teilzunehmen.
Wie sind Sie mit der fehlenden Haptik der Digitalisierung umgegangen? Welche Gedanken haben Sie sich darüber gemacht, dem Cube nicht nur Oberfläche, Glätte und Spiegelung, sondern auch Stofflichkeit zu geben?
TØ: Die sich faltende Fassade und die Dachterrasse aus Holz sollen zur Haptik beitragen. Ansonsten dachten wir, dass die Mieter selbst Farbe und andere Materialien einbringen können. Der Rahmen, den wir ihnen dafür geschaffen haben, ist eher grafisch.
KHN: Das äußere Raffinement liegt in der ästhetischen Schärfe, die die Glasfassade erzeugt. Die besondere Glastextur ist eine technische Leistung: Das Glas erscheint nicht flach, sondern hat eine Tiefe. Insgesamt wirkt die monolithische Architektur also doch in gewisser Weise zersplittert.
Portrait und Interview, 3XN
Architekten
3XN
Kanonbådsvej 8
1437 Copenhagen K, Dänemark
Gegründet 1986 in Dänemark ist 3XN heute ein international tätiges Büro mit über 100 Mitarbeitern in vier Ländern. Das Hauptquartier ist in Kopenhagen, weitere Niederlassungen gibt es in Stockholm, New York und Sydney. Zum Portfolio gehören zahlreiche Projekte im Bereich Kultur-, Gewerbe- und Wohnungsbau. Seit 2007 gehört auch GXN zum Büro, ein Innovationsunternehmen, das digitale Techniken, neue Materialien und umweltfreundliche Technologien erforscht.
Projekte (Auswahl)
2023 Fish Market Sydney, Australia
2019 Olympic House – IOC headquarters, Lausanne, Schweiz
2013 The Blue Planet National Aquarium, Copenhagen, Denmark